Die stille Oberfläche
Ich kann mich an keine Zeit in meinem Leben erinnern, in der ich nicht malte. Ich weiß nicht, woraus die Beschäftigung entstand. Vielleicht aus einem Mangel anderer Möglichkeiten?
Meine Eltern schenkten mir dann an Weihnachten 1977 die erste Staffelei und Ölfarben. Ich schritt sofort, ohne mir auch nur einen Gedanken zu machen, zur Tat.
Ich malte eine Weihnachtskarte, um sie zu verschenken: einen Nikolaus.
Ich zeigte sie meinem Vater und er, der mich nie kritisierte, machte eine Bemerkung, die mein ganzes Malerleben bis zum heutigen Tag prägte: du solltest die Farbe nicht so dick auftragen, das sieht nicht gut aus. Es traf mich sehr, denn ich legte großen Wert auf sein Urteil. Ich sah, was er meinte: der Bart des Weihnachtsmannes strahlte weiß, weil er besonders dick weiß aufgetragen war.
Was mein Vater nicht ahnte, dass ich Malerin wurde und dass er ein ästhetisches Urteil sprach, dass im direkten Widerspruch zu der Entwicklung stand, die sich bereits da in der Kunstwelt abzeichnete: pastoser gestischer Farbauftrag würde eine unglaubliche Durchsetzungskraft gegenüber flächiger Malerei erlangen.
Mein Vater ahnte die Entwicklung zwar nicht, aber er prägte meine Malerei: denn mein Ziel wurde es, das Motiv und seine Struktur nicht durch die Körperlichkeit des Materials, sondern durch die Nachbarschaft der Farben zu entwickeln. Es entsteht ein Farbraum, in dem nichts die Flächigkeit stört, der ruhig und entmaterialisiert ist.
Mein Vater ist nicht alt geworden, er starb bereits Ende der achtziger Jahre. Wenn er wüsste, wie sehr sein Satz mich ein Leben lang leitete.
Ich schätze, er weiß es.
The Quiet Surface
I cannot remember a time in my life when I was not painting. I do not know where this urge came from. Perhaps from a lack of other possibilities?
At Christmas 1977, my parents gave me my first easel and a set of oil paints. I immediately set to work, without giving it a second thought.
I painted a Christmas card to give away: a Santa Claus.
I showed it to my father and he, who never criticized me, made a remark that shaped my entire life as a painter up to this very day: You shouldn't apply the paint so thickly. It doesn't look good.
It affected me deeply, because I valued his judgement immensely. I could see what he meant: the beard of Santa Claus shone bright white because I had applied the white paint particularly thickly.
What my father could not have known was that I would become a painter, and that he had expressed an aesthetic judgement that stood in direct opposition to a development that was already emerging in the art world at that time: thick, gestural paint application would eventually gain tremendous prominence over flat painting.
My father did not foresee this development, but he nevertheless shaped my work profoundly. My aim became to develop motif and structure not through the physicality of the material, but through the adjacency of colors. A chromatic space emerges in which nothing disturbs the flatness—calm and dematerialized.
My father did not live to be old; he died in the late 1980s. If he knew how much his sentence guided me throughout my life.
I believe he does.

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